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Der Klabautermann

Der Klabautermann

         

Eine Erzählung von Friedrich Gerstäcker

Ich werde meinen alten Freund wohl erst bei Dir einführen müssen, lieber Leser aus dem »inneren Lande«, denn oben im Norden, an der Weser und Elbe und Schelde, kennen sie gar wohl den wackern Klabautermann, den Freund der Seeleute – oder fast mehr noch ihrer Schiffe, und den treuen Begleiter auf ihren weiten gefahrvollen Reisen. Aber auf’s feste Land kommt er nicht; er hält es nicht aus auf dem trockenen, unbeweglichen Boden, und zwingt ihn die Noth vielleicht einmal irgend auf einer Insel, an der sein eigenes Schiff gescheitert, zu hausen, bis er ein anderes findet, auf dem er wieder Passage nehmen kann, so ist ihm das nichts weniger als angenehm, und er kann sich dann mit den Bewohnern dort nicht im Geringsten vertragen.

Seiner gewöhnlichen Natur nach ist er unsichtbar, kann sich aber nichtsdestoweniger, wenn ihm das je nützlich oder angenehm erscheinen sollte, wann er will, auf dem Schiffe zeigen und thut das auch gar nicht selten, meistens aber doch nur bei wichtigen Gelegenheiten. Seine Tracht ist natürlich ächt seemännisch: blaue Tuchjacke und weiße weite Zwillighosen, große Seestiefel, die bis unter die Kniee reichen, ein wollenes Hemd, blau oder roth, wie es gerade seinem Geschmack zusagt, und eine rothe wollene Zipfelmütze. (Die rothe wollene Zipfelmütze ist freilich etwas altmodisch, er hat die aber noch aus der guten alten Zeit beibehalten und trennt sich von ihr nur bei höchst feierlichen Gelegenheiten).

Der Klabautermann ist übrigens nicht so groß als die übrigen Menschen, sondern eher von kleiner, aber äußerst untersetzter, kräftiger Statur – er wird selten über dritthalb Fuß hoch, ist aber für seine Größe ungemein breitschultrig und von derbem Gliederbau, mit einem manchmal allerdings etwas sehr dicken Kopf, was in seiner Familie liegen soll – aber doch nie unproportionirt. Er lebt auch keineswegs blos von der Luft allein, wie das Elfen und Sylphiden und andere Mondscheindinger vielleicht thun mögen – fällt ihm nicht ein, nein, er verlangt sogar, wenn er auch nicht gerade in der Kajüte permanent wohnt, denn er haust überall im Schiff, wo es ihm gerade einfällt, daß doch sein Couvert in der Kajüte gedeckt, und Gnade Gott dem Koch, wenn das einmal vergessen sein sollte. Er nimmt dann von diesem nicht etwa Entschuldigungen an, daß es die Schuld der Jungen gewesen sei, Gott bewahre, der Koch muß dafür büßen und er bekommt, ohne daß er die Hand sieht, die sie austheilt, Ohrfeigen links und rechts. Klabautermann verlangt Ordnung.

Der Klabautermann ist außerdem aber nicht allein ein guter Gesellschafter, sondern ein fleißiger, thätiger Gesell, der seine Anwesenheit an Bord nicht etwa heimlich hält, sondern im Raum fortwährend arbeitet und schafft, wenn das Schiff erst unterwegs ist, die Ladung zurecht rückt und schüttelt, wo sie locker geworden ist feststaut, und das Stauholz dabei herüber und hinüberwirft und manchmal wirklich einen Heidenlärm macht. Liegt sein Schiff im Hafen und ist der Capitain vielleicht an Land, um Fracht zu suchen, so können die Leute an Bord auch gerade an diesem Holzherumwerfen wissen, ob er Fracht gefunden hat und sie nun bald wieder in der See gehen; Klabautermann wirtschaftet dann im Raum herum, daß es eine Lust ist, wirft die Scheite aus einer Ecke in die andere, und fängt an, Platz zu machen für die kommende Ladung. Solch’ ein Zeichen trügt auch nie, denn Klabautermann hält viel zu viel auf sich und seinen guten Ruf, als daß er falschen Lärm schlagen sollte.

Wird aber Menschenblut auf einem Schiffe vergossen, verläßt Klabautermann das Fahrzeug ebenfalls bei der ersten passenden Gelegenheit, und verhält sich dann, so lange er noch an Bord ist, so still und ruhig, daß die Leute oft schon geglaubt haben, er sei geradeswegs über Bord gesprungen. Das ist aber sicherlich nicht der Fall, Klabautermann gehört keineswegs zu den Sprudelköpfen, die gleich, wenn ihnen einmal irgend etwas in die Quere kommen sollte, über Bord springen; er kann allerdings schwimmen, liebt aber Salzwasser gar nicht so sehr, um selbst muthwillig hineinzusetzen. Nein, er wartet ruhig seine Zeit ab, aber seiner guten und friedlichen Natur ist Blutvergießen zuwider. – Das Schiff ist seiner Meinung nach entehrt, und er mag es deshalb auch weder länger beschützen noch bewohnen – es ist den Geistern der Rache verfallen, und zu denen gehört unser guter, gemüthlicher Klabautermann wahrhaftig nicht.

Geht er aber in einem solchen Fall von Bord, so nimmt er von Niemand Abschied, zeigt sich Niemand und verkehrt überhaupt mit Niemand mehr; nur wer recht aufpaßt, kann vielleicht hören, wenn er seine Kiste aus dem untern Raum heraufschafft, und den Koch läßt er’s wissen, daß er für ihn kein Gedeck mehr hinzulegen braucht, denn er drückt ihm den Teller, den dieser ihm hinsetzt, mitten von einander.

Es muß immer eine höchst traurige Sache für die Mannschaft sein, wenn der Klabautermann von Bord geht. Sonderbar und höchst eigenthümlich ist es aber, daß, so sicher man auch von der Existenz eines Klabauter mannes überzeugt ist, doch noch nie Jemand von einer Klabauter frau gehört hat. – Es circuliren darüber allerdings einzelne dunkle Gerüchte, Niemand weiß jedoch etwas Bestimmtes darüber, und wer vielleicht etwas Bestimmtes wirklich wissen sollte, darf es nicht sagen – es geht das gewöhnlich so auch in dem übrigen Theil der Welt. So viel ist sicher, der Klabautermann lebt in unserer jetzigen Zeit – so viel die Seeleute wissen und so lange er bei ihnen an Bord ist – in, was die Engländer nennen: » single blessedness«, und was wir etwa übersetzen könnten: »einfacher Seligkeit«. Was er thut, wenn er auf festem Land ist, weiß er selber wohl am besten, es ist aber gewiß selten, daß er hierin einem armen Sterblichen eine Einsicht erlaubt, denn da er sich je nach Belieben unsichtbar machen kann, wird er Anderen seine geheimen Gänge und Wege eben nicht freiwillig auf die Nase binden.

Der Klabautermann ist solcher Art das einzige, uns Menschenkindern bekannte überirdische Wesen, das einzig und allein als Maskulinum besteht und sich sogar nur äußerst wenig aus dem schönen Geschlecht zu machen scheint. Selbst die Gnomen – kleine knirpsige Dinger, die tief in der Erde Schachten wohnen, haben ihre Weibchen und Schätzchen, mit denen sie zu Zeiten gar lustig tanzen und jubiliren können, ebenso alle anderen Nymphen und Elfen, Nixen – denn es giebt der und die Nixen – Salamander, Sylphen, Undinen etc. etc. gar nicht gerechnet; nur der Klabautermann sitzt still und einsam auf seinem erwählten Schiff und zieht damit allein und freundlos in die weite See hinaus, oft in langen, langen Jahren nicht wieder heimkehrend, und doch immer gutmüthig mit denen, die er einmal in seinen Schutz genommen; nie mürrisch und unzufrieden, nie zänkisch und gehässig, wie man das sonst wohl so häufig bei den alten Junggesellen findet. – Es liegt wirklich etwas Rührendes in dem Charakter des Klabautermannes.

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Pestarzt liest: KLABAUTERMANN