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Der altruistische Imperativ

Der altruistische Imperativ

Altruismus: selbstlose Denk- und Handlungsweise; Uneigennützigkeit

Sind wir nicht alle Egoisten?

Altruismus Wikipedia
Wir leben in einem System, das davon ausgeht, dass der Mensch egoistisch sei. Wir würden grundsätzlich zuerst zu unserem eigenen Vorteil handeln. Dabei zeigen große und kleine Katastrophen immer wieder das Gegenteil auf. Sogar die Forschung auf anthropologischer, psychologischer, historischer und biologischer Ebene kommt voneinander völlig unabhängig immer wieder auf die gleichen Schlüsse:

Der Mensch ist viel besser als sein Ruf!

Der Spruch „Survival of the friendliest“ wird unter Forschern immer bekannter und hat mittlerweile viele Anhänger. Allerdings merkt man das im Alltag nicht, da wir in diesem System dazu gezwungen werden, egoistisch zu handeln. Dieses neoliberale und kapitalistische System ist hochgradig egoistisch und lebt auch davon, dass wir es auch sind. Je weniger wir uns um andere Scheren, desto mehr Nutzen erzeugen wir für uns und somit auch für das System. Dies bekommen wir schon früh in der Schule beigebracht und eingeimpft. Im Menschen etwas anderes zu sehen, wenn einem der eigene Kopf etwas anderes sagt, ist sehr schwierig.
Bis zu einem Moment der Katastrophe! Wie ausgewechselt handeln Menschen zu sehr hohen Prozentzahlen besonders altruistisch. Sie riskieren ihr eigenes Leben um andere zu retten oder nehmen selbst Einschränkungen in Kauf um anderen zu helfen. Allerdings bekommt man in der Regel davon nichts mit, da Nachrichten nur über Dinge berichten, die nicht normal sind. Die Tatsache, dass gute Nachrichten keine guten Nachrichten machen, ist hierbei wichtig zu erwähnen. Die Norm ist nun mal nicht erwähnenswert. Wer zu viele Nachrichten sieht, kann sogar in der Psychologie ein sogenanntes „Mean-World-Syndrom“ bekommen. Wenn wir uns zu viele schlechte Nachrichten einverleiben, tendieren wir dazu, anzunehmen, dass Mensch und Welt tatsächlich so schlecht seien. Dies kann zu Ängsten und Depressionen führen.
Zurück zu unseren Altruisten im Katastrophenszenario. Wenn sie in irgendeiner Weise besonders darin hervorstechen, anderen zu helfen, wird über sie berichtet. So bekommt der/die Informierte noch mehr das Gefühl, zu helfen sei etwas Besonderes, Abnormes. Dabei werden die vielen Menschen, die sich Mühe geben, aber nicht auserkoren wurden, eine Leitfigur für Einschaltquoten zu sein, nicht gezeigt. So verbleibt der Eindruck einer „Ellenbogen-Gesellschaft in einem Schweinesystem“. Und so gehen auch nach der Katastrophe die Helfer zurück in ihre alten Leben und treten wieder gegeneinander an. Im Angriffskampf um jedes bisschen Vorteil, im Verteidigungskampf, jedes bisschen bei sich zu behalten.
Bild: Victor van Werkhooven
Lizenz: CC BY 2.0
Dabei müsste es gar nicht so sein. Der Altruismus ist tief in unserer Genetik verwurzelt! Wir helfen einander schon seit hunderttausenden von Jahren. Dies hat sogar zu einer Ausschüttung von Oxytocin geführt. Wir belohnen uns also mit dem Sex-und Kuschelhormon für Nächstenliebe selbst. Wir sind genetisch zum Helfen veranlagt! Dies kann man biologisch darauf zurückführen, dass Menschen, bei denen das Oxytocin nicht ausgeschüttet wurde, einen Nachteil darin hatten, ihre Gene in gleicher Form weiterzugeben, wie das Altruisten konnten. Zu diesem und anderen Schlüssen kommt der Philosoph, Buchautor und Wissenschaftler Rutger Bregmann. Er redet im Dissens Podcast über diese Erkentnisse. Sehr empfehlenswert ist auch sein neues Buch “Im Grunde gut: Eine neue Geschichte der Menschheit”., 480 Seiten, im Rowohlt Verlag erschienen

Wie können wir also unser System beeinflussen?

Ein Stammesführer schaut wie selbstverständlich auf jede/n Einzelne/n, während das ein/e Kaiser:in, Kanzler:in oder Papst / Päpstin natürlich nicht mehr kann. Der/Die schaut auf Statistiken, aufbereitete Informationen ganzer Heerscharen. Selbstverständlich schließt diese Berufsform den Altruismus nicht aus, aber es überfordert den/die Einzelne/n, über das eigene direkte Umfeld hinaus zu sehen. Eine Kaiserin ist also in der Lage, ganz uneigennützig den Verzehr von Kuchen zu empfehlen, wenn dem Volk das Brot ausgeht, da es in ihrer Welt gar nicht erst nachvollziehbar ist, dass Kuchen je ausgehen könnte. Geschenkt!
Aber die gottgleiche unangefochtene Autorität ihrer Stellung verhindert es, dieser selbstverständlich völlig falschen Annahme in gebotener Weise zu widersprechen. Je höher die Gefahr für den Einzelnen zu widersprechen, desto wahrscheinlicher also die Unfähigkeit des Staatsoberhauptes für die Belange des Einzelnen. So erzeugen sie ein System aus Angst und Eigennutz und so können Despoten ihre Bevölkerung retrospektiv aus geradezu lächerlichen Beweggründen dazu verleiten, absolut schreckliche Dinge zu tun und gleichzeitig den Kopf auf ihren Schultern zu behalten. Oder es ermöglicht gewählten Vertretern eines Volkes so sehr den Bezug zur Realität zu verlieren, dass man nicht verstehen kann, dass Infektionszahlen und die Covid19-Reproduktionsrate wichtiger sind, als die Wirtschaft. Das eigene Umfeld ist nun mal die Grenze der eigenen Hilfsbereitschaft.

Was lernen wir daraus?

Also leben wir jetzt alle in anarchistischen Kleingruppen, weil Macht grundsätzlich korrumpiert? Nein, wir können natürlich nicht zu einem Stammesleben zurückkehren. Was wir aber machen können, ist der Macht ihre Singularität nehmen. Wenn eine einzelne Person oder wenige Personen aus dem gleichen Umfeld über gänzlich ihnen unbekannte Gruppierungen entscheiden sollen, ist eine abgehobene und realitätsferne Politik vorprogrammiert. Würden wir allerdings in partizipativer und ausgeloster Demokratie wie im alten Griechenland gemeinsam entscheiden, so entnehmen wir der Macht die Fähigkeit zu korrumpieren und es werden alle Minderheiten, alle Bevölkerungsschichten gehört.
Niemand kommt zu Kurz und jede/r wird Beachtung geschenkt. So können Kompromisse erarbeitet werden und wir schaffen, aufgrund fehlender Möglichkeiten der Einflussnahme gleichzeitig den derzeitigen Lobbyismus ab. Jede/r vertritt seine/ihre Interessen, inkl. Hochfinanz und Müllabfuhr.
So lange wir davon ausgehen, dass unser Gegenüber etwas Egoistisches und Schlechtes möchte, so lange wird auch unser Gegenüber etwas Vergleichbares von uns erwarten. 70 Jahre neoliberale Kriegsführung gegen Natur, Biodiversität und Menschlichkeit zeigen auf, dass wir auf diese Weise nur eines hinbekommen: Unser aller Ende. Eine globale Katastrophe wie die Corona-Pandemie zeigt ausgesprochen nachdrücklich auf, wie gern der Mensch doch hilft. Sich selbst, seinen Nachbarn, sowie allen auf der Welt. Man müsste uns nur mal machen lassen.